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Impressionen aus dem Dieselmuseum

Dieselmuseum - Impressionen

Ein M.A.N. bei H.A.U.

"H.A.U.", unter diesem einprägsamen Namen findet sich in Schramberg ein umfangreicher Gewerbepark. H.A.U. ist dabei nicht etwa eine alte Bezeichnung für ein Gewann, sondern einfach die Abkürzung für "Hamburg Amerikanische Uhrenfabrik", die sich 1883 in dem württembergischen Schwarzwaldstädtchen etabliert hat. Vor allem das Haus Nr. 42 zieht auf diesem Industrieareal die Aufmerksamkeit auf sich.

Ein verwunschener Pavillon? Ein Betriebskirchlein gar? Deutlich jedenfalls die Jugendstilanklänge der in chamoisfarbenem Klinker gemauerten, feinkörnig wirkenden Schauseite. Aus ihr tritt ein Risalit leicht hervor, im Feld seines Volutengiebels ein querovales Fenster. Man ahnt hinter dieser überraschenden Erscheinung aus dem Jahr 1904 auch schon einen entsprechenden Urheber: Philipp Jakob Manz (1861-1936), der damals bedeutendste und erfolgreichste Industriearchitekt im Südwesten, von dem uns unter anderem das Stuttgarter Bleyle-Werk, die Aesculap in Tuttlingen oder das Dampfturbinenhaus der Firma Otto in Wendlingen geblieben sind.

Manz, nahe Nürtingen geboren, lernte an der damaligen Baugewerksschule Stuttgart, wo er sein Studium bereits 1882 - mit 21 Jahren - als Wasserbautechniker abschloß, um hernach in das Büro des renommierten Stuttgarter Oberbaurats Emil Otto Tafel (1838-1914) einzutreten. Neun Jahre spätergründete Manz dann sein eigenes Büro in Kirchheim/Teck, das er zur Jahrhundertwende nach Stuttgart verlegte. Dies Schramberger "Gebäude 42" ist also schon ein Produkt aus Manzens hauptstädtischer Entwurfswerkstatt. Für deren Anfangsphase steht übrigens die Abkehr vom plastischen Dekor und die Hinwendung zu einer eher "graphisch aufgefassten Architekturkonzeption", wie man in einer unlängst erschienenen denkmalschützerischen Betrachtung von Hans Peter Münzenmayer und Martina Goerlich nachlesen kann ("Aufbruch ins Industriezeitalter" aus "Vom Vogelherd zum Weißenhof", herausgegeben von Dieter Planck, Stuttgart 1996).

Eine Sensation im Bauch

Architektonisch ohne Zweifel eine Kostbarkeit, birgt dieser feine Industriebau in seinem Bauch gar eine technische Sensation - eine noch funktionsfähige Dieselmaschine aus den Jahren 1910/11. Bis 1963 hat sie gearbeitet. In den Betriebsbüchern der H.A.U. ist dazu festgehalten: "29. 03. 1963. Freitag, wie zum Finale, noch einmal 7. Stunden. 30. 03. 1963. Samstag, 7.30-8.30 Uhr, 1 Stunde. Feierabend. Schluß - Aus." Und, zuallerletzt, am 25. November 1966, auch einem Freitag, "von 11 bis 12 Uhr kam es noch einmal zu einem Probelauf." Noch heute zeigt der Drehstromzähler den Stand vom November 1966.

Zur Unterbringung des Dieselmotors war 1910 eine Erweiterung rechts vom Risalit nötig, mit dem die H.A.U. den Schramberger Baumeister Ludwig Storz (1863-1914) beauftragte. Aus dem quadratischen wurde ein rechteckiges Gehäuse. Der Name Manz taucht in den Bauakten zwar nicht mehr auf, aber Storz gibt sich alle Mühe, das Diesel-Langhaus in Material und Stil den Vorgaben seines großen Stuttgarter Kollegen anzupassen. Die Fensterformen hat er dabei kopiert und das Dach noch mit zwei Fledermausgaupen versehen, die mit dem Queroval des Risaliten korrespondieren. Kurzum, eine feinsinnig gestaltete Außenhaut für den Dieselkoloß, über den es in einer Information des schramberger Stadtmuseums von 1991 heißt: "Es handelt sich um einen vierzylindrigen 325-PS-Diesel der Firma M.A.N. aus dem Jahre 1911. Der Diesel dokumentiert die Energieversorgung dieser Fabrikanlage, die von Beginn an die jeweils modernste Energiequelle nutzte: Anfangs (seit 1876) arbeitete man mit Dampfkraft, die 1904 durch ein eigenes Wasserkraftwerk im Bernecktal und 1911 durch eine erste Dieselkraftstation erweitert wurde. Der noch vorhandene Diesel erscheint geeignet, ein wichtiges Thema der Industrialisierung - die Energieversorgung und damit verbunden (Umwelt)Probleme - zu veranschaulichen."

Der Schramberger Diesel wurde bei MAN in Augsburg gebaut. Solche Aggregate trieben Schiffe und lieferten auch die Elektrizität für die Kiewer Straßenbahn, noch bevor am 9. August 1910 die Schramberger H.A.U. ihren Dieselmotor in Augsburg bestellte, der dann 1911 auf Teerölbetrieb umgestellt wurde. Seine Typenbezeichnung "A4V60" läßt sich wie ein Steckbrief lesen: "A" bezieht sich auf Bauserie, "4" auf Zylinderzahl, "V" auf vertikale Bauweise und ,,60" auf die entsprechenden Zentimeter Kolbenhub. Zu den berühmtesten Verwandten dieses Schramberger Teeröl-Diesels zählen die beiden "Großen Liegenden" der Städtischen Elektrizitätswerke Halle, damals die größten horizontal arbeitenden Dieselmaschinen weltweit.

Was ein Maschinenführer können muß

Der H.A.U.-Diesel nun, eine Ikone der Technikgeschichte gewissermaßen, liegt dank der Veröffentlichungen des "Fördervereins Dieselmuseum" wie ein offenes Buch vor uns. Erschöpfende Auskünfte, vom ersten Angebot der M.A.N. an die H.A.U. am 14. Juli 1910, das sich auf 72476 RM belief, über Zahlungsweise und Verpackung bis hin zu den Wartungsvorschriften, die der Maschinenführer "von Zeit zu Zeit aufmerksam durchzulesen" hatte. "Für einen tüchtigen Maschinenführer", so heißt es weiter, "ist unbedingt erforderlich: Größte Aufmerksamkeit und Gewissenhaftigkeit, Ordungsliebe, Reinlichkeit, Ruhe und Nüchternheit."

Welch eine Fülle an Umgebung und Materialien also für die Aufarbeitung eines solch eminenten Kapitels Industriegeschichte! In seinen Zielsetzungen bekundet denn der am 7. März 1995 gegründete Förderverein, er wolle "die Stadt Schramberg und das Stadmuseum ... mit Rat und Tat" bei der Einrichtung dieser technischen Ausstellungsstätte unterstützen. Heute erleben Sie im Dieselmuseum den aufregenden Dialog zwischen einer zauberhaften poetischen Industiearchitektur und der schieren Kraft von 4 Zylindern mit einem Kolbenhub von jeweils 60 Zentimetern und einem Gesamthubraum von 340 Litern.